Theaterbiennale Chisinau - Touristenattraktion für Moldawien

 

Petru Vutcarau (r.), Mediator zwischen EU und östlichen Nachbarstaaten

 

Dieter Topp (KFE) und Medana Weident (Deutsche Welle) einzige Pressevertreter aus dem Westen (Fotos: Florin Tabita)

 

"Wer beschäftigt sich schon mit Moldawien?" Eine Frage, die im Westen häufig und unverblümt gestellt wird, wenn es darum geht, etwas aus dem kleinen Land zwischen Rumänien und Ukraine zu berichten, das über Staatsflucht und Ost-West-Konflikt einerseits und die Vermarktung von Wein und Cognac andererseits hinausgeht. Die Menschen, ihre Sorgen und Nöte, ihre Aufnahmebereitschaft für alles Intellektuelle und auch Unterhaltsame, das den Weg "zur kleinen Schwester Rumäniens" findet, dringt eher sehr dünn durch tagesaktuelle Berichterstattung von westlichen Medien an EU-Gehör. Wen wundert's, wenn der Fremde in Moldawien mit einer gewissen Argwohn betrachtet und die Frage nach dem, was pekuniär in seinen Taschen für Land und Leute vorrätig sein könnte, eher direkt angefragt wird. Denn was hat man hier schon anderes aus dem Ausland zu erwarten. Mit Recht, jeder Euro, jeder Dollar tut Not.

Und doch schimmert beim persönlichen Kennenlernen mehr durch. Freudiges Erstaunen tritt zu Tage, wenn der Besucher sich über das gewaltige grüne Ambiente der Hauptstadt Chisinau auslässt. Wenn er feststellt, wie sich persönliches Verantwortungsgefühl in unerwartet sauberen Straßen und auch in den vielen Wohnblocks in zweiter Reihe ausdrückt. Die Liebe zu Moldawien und seiner Hauptstadt überdeckt vieles Andere und veranlasst zu einem kurzen Moment des Träumens, bevor man wieder in eine Depression knapper Alltagsrealität zurückfällt.

 

 "Wer beschäftigt sich schon mit Moldawien?" Und da sind wir wieder beim Thema, das unbedingt angesprochen werden muss, will man zumindest Land und Leute ein wenig verstehen lernen. Zu allererst einmal sind es die Menschen selber, die sich für einander interessieren, in der Familie und im weiteren Verwandtenkreis; denn ohne die regelmäßigen Zuwendungen aus dem Ausland wäre ein Überleben im kleinen Staat noch weitaus härter als es eh schon ist. Der Schriftsteller Constantin Cheianu beschreibt Situationen von Flucht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Er lässt die Wege einiger Illegaler sich in Belgien "In Container" kreuzen und spiegelt ein Bild moldawischer Realität, mit der beinahe jede Familie im Land konfrontiert ist. Gut und notwendig endlich zu wissen und für Ausländer zu verstehen, aber hier in Chisinau anlässlich einer Theaterbiennale zu spielen, hieße das nicht, Eulen nach Athen zu tragen? Da sitzt das moldawische Publikum im ausverkauften russischen Chechov-Theater und schaut in einer drastischen Inszenierung des jungen Rumänen Cristian Ban diesem tragisch komödiantischen Elend zwischen Pissoir und schäbigem überfülltem Hotelzimmer zu. Am Ende Standing Ovations der Zuschauer, die sich ganz tief drin verstanden fühlen und den wenigen ausländischen Gästen, denen sie diese - auch ein Stück weit ihre persönliche Situation - im Rahmen eines Theaterfestivals nahegebracht wissen. Beinahe jede Familie hat ein Stück weit diese Erfahrungen von illegaler Emigration und tiefer Hoffnung auf eine bessere Zukunft gemacht: "Nur gemeinsam können wir die Welt ein wenig besser gestalten", so der Slogan von Biennale-Chef Petru Vutcarau, um zwischen Moldawien und außerhalb über den Weg der Bühne zu vermitteln.

 

Auch die rumänische Situation wird transportiert. "Romania, ich küsse dich" von Bogdan Georgescu beleuchtet in der Inszenierung von David Schwartz die Situation im Nachbarland. Es vermittelt dem Betrachter mit recht originellem Stage- und Sounddesign gekonnt und mit komödiantischem Flavour gespickt einige rumänische Antworten auf die Frage nach dem, "was wissen Andere schon wirklich von uns". (Zumindest haben Deutschland und das Festival neue Stücke aus Europa angebissen. In der Ausgabe 2010 in Wiesbaden wird dieser rumänische Aspekt vorgestellt. Bravo!).

 

 

 Rumäniens Starregisseur Radu Afrim, mittlerweile Europa weit etabliert und im letzten Jahr mit dem KulturPreis Europa des KulturForum Europa ausgezeichnet, wartet mit seiner Produktion aus Braila, "Eine heikle Sache, die Seele" von Dimitré Dinev auf . "Die Erzählungen des aus Bulgarien stammenden Österreichers sind keineswegs deprimierende Sozialreportagen, sondern eine furiose Mischung von slawischer Seele und deutschem Wortwitz", so berichtet begeistert Carsten Hueck im Deutschlandradio.

 

 

 Aus dem eigenen Land hat, wahrscheinlich aus Budget-Gründen, das Festival eher weniger im Angebot. Sehenswert allemal die Fassung von Bertolt Brechts "Der gute Mensch von Sezuan", eine solide Arbeit von Regisseur Boris Focsa und dem Ensemble des "Morgenstern" Theaters, Chisinau. Die Premiere des "Morgenstern", einem Meisterstück rumänischer Poesie von Mihai Eminescu, verzaubert die Festivalbesucher im Puppentheater gänzlich. Dass Puppenspiel nicht nur für Kinder geeignet ist, beweisen die estonischen Teilnehmer des staatlichen Puppen- und Jugendtheaters Talin und vor allem das Moskauer Puppentheater Mytischici, die im Tschechow-Jahr mit einer "Kirschgarten" - Interpretation Realität und Puppenspiel verschmelzen lassen.

 

Die heikle "Zigeunerfrage" spricht das Biennale-Festival des Eugene Ionesco Theaters in 2010 sehr gelungen an. Aus Zece Prajini, mit seinen matschigen Straßen, wohin am Stadtrand der rumänischen Stadt Iasi der Herrscher im 19. Jahrhundert die Zigeuner mit eigenem Land ansiedeln wollte, zeigt ein Blasorchester den Stolz über das, was die Menschen hier am besten beherrschen, nämlich, Musik zu machen. So auch die "Dhoad"-Truppe aus dem indischen Radjastan, dem Urland der Zigeuner, die ihre musikalische Kultur als Botschafter der ethnische Minderheit in alle Welt hinaus tragen.

 

Und letztlich dann der Flamenco aus Malaga, ein mehr kommerzieller Aspekt, den die ursprüngliche Musik eines ursprünglichen Volks ausmacht. Das BITEI entwickelt sich zu einem Festival mit pädagogischer Ambition.

 

 Diese tritt noch deutlicher hervor beim CINEMATOGRAF Theater, Moskau, das erstmalig an einem Festival teilnimmt und mit taubstummen Darstellern in mimisch zutiefst beeindruckender Art und Weise, unterstützt durch gestische Sprachausführung, Songs und Balladen neu formuliert.

 

 

 

 

 

 

 

 In Moldawien sind 40% der Bevölkerung russischer Abstammung. Die zweite Sprache ist russisch und hier hat das Festival ebenfalls Akzente gesetzt. In einem Monodrama erfahren wir endlich auch über die Regiekunst von Festivalchef und Leiter des Eugene Ionesco Theaters, Petru Vutcarau. Eine opulente One-Woman-Show, in der der Regisseur dem elegisch-dramatischen Können der Schauspielerin Antonina Dobroliubova mit großen Gesten und farbigen Lichtakzenten zum Erfolg verhilft. (Olga Khokhlowa, die russische Adelige, tanzte in Diaghilews berühmten "Ballets Russes" und blickt basierend auf den Texten von Brian McAvera rückwirkend voller Pathos auf die Beziehung mit Pablo Picasso, den sie als einzig legitime Ehefrau überlebt.) Es ist eine Produktion aus Sachalin, der russischen Insel, die sich einst im Krieg mit Japan befand. Und so wird die Einladung an das MODE Theater, Tokio, schlüssig, dessen Direktor Osama Matsumoto einen international hoch gepriesenen Kafka vorstellt.

 

 

 Das erst 2006 gegründete Kiev Modern Ballet hat mit seiner Modern Dance Interpretation von Tschaikowskys Nussknacker die Festivalbesucher in eine euphorische Erwartungshaltung katapultiert. Die Choreografien von Radu Poklitaru haben in Ost und West schon zahlreiche Fans gefunden.


 

 

 

 

 

 

 

 

Im russischen Kontext hat Vutcarau mit dem ukrainischen Starregisseur Roman Viktyuk und gleich zwei seiner Superproduktionen, die Highlights des BITEI-Festivals, nach Chisinau geholt: Vier junge Männer rangeln sich über Seile hoch in die Segel und fallen tief in die Turnmatten im ewigen Shakespeare-Liebesdrama "Romeo und Julia". Mit welch einer Leichtigkeit und Leidenschaft hier vier junge britische Kadetten der Seemannsakademie dieses Stück klassischer Literatur in ihre und unsere Wirklichkeit transportieren, verspielt wie Schüler, sich nähern und verlieben mit "einer Intensität,

 

die nur ganz junge Menschen zu durchleben in der Lage sind", so Regisseur Viktyuk, zu seiner  Hommage an die Liebe zwischen zwei Personen, mit äußerster Sensibilität inszeniert, basierend auf der ungeheuren Kraft seiner Darsteller, vor allem 

 

 Igor Nevedrov als Student II (Julia), dem die Herzen im ausverkauften Theater entgegen schlagen. Die Darsteller werden immer wieder auf die Bühne gerufen, eine derart männliche Ausstrahlungskraft und überzeugende Darstellung sich liebender Wesen, fernab von jeder eindeutigen Pose und doch reine homoerotische Poesie.

 

 

 

Oh Jean Cocteau, wie hättest du dieses Stück geliebt!

 

 

Jedoch ist es nicht das einzige Geschenk Vutcaraus an seine Festivalbesucher und das der gefeierte Regisseur im Gepäck mit sich führt. Mit Spannung wird im ausverkauften Opernhaus von Chisinau von über 1.200 Besuchern die wohl spektakulärste Produktion des Viktyuk Theaters aus Moskau erwartet

Jean Genet, "Die Zofen, Ungeheuer wie wir selber, wenn wir dieses oder jenes träumen", so der französische Poet, der für seine Schriften ins Gefängnis musste, zu seinem Werk von 1947.

Wie mag es wohl im Moskau der 80er Jahre zugegangen sein, als Roman Viktyuk seine Interpretation eines Rollenspiels von Unterdrückung und Fremdbestimmtheit, von Abhängigkeit, Liebe, Hass und Demütigung auf die Bühne stellte. Im Sinne der Parallelität von Sein und Schein, Imaginärem und Realität ist der Regisseur Genets Postulat gefolgt, dass sämtliche Rollen von Männern gespielt werden sollten. „Zwar kann eine Schauspielerin in eine der Rollen schlüpfen, aber das Irreale wäre nicht ausreichend radikal, weil sie ja nicht zu spielen braucht, dass sie eine Frau ist, so sinngemäß der Autor, dem die gesamte Wucht dieser Viktyuk-Inszenierung Folge leistet.  Er verkleinert den Aspekt Genets, der immer einmal vom Gespenst des Mordes spricht, das er in der Gesellschaft auftauchen lässt, wenn er von den Grenzgängern schreibt. Hier ist eher angestrebt, dass die „schöne Geste“ des Verbrechens den Mörder und den Mörderdichter zu öffentlichem Ruhm führt. Die moralische Ablehnung dieser Grenzüberschreitung durch die Mehrheitsgesellschaft ist für Genet der größte Lohn.

 

 

Nicht so für Viktyuk, seine "Zofen" sind 40 Jahre nach Erscheinen der Vorlage inszeniert und das sind bereits wieder 20 Jahre her. Wen wundert's, wenn der Regisseur eine eigene, opulente Version zur Diskussion stellt. Die Protagonisten mit allesamt männlich makellosem Erscheinungsbild, barfuß in Samuraj-Röcken, in Pantöffelchen und Federboa besetzten Negligee, in voluminösem Pelzoutfit, durch irreal maskenhafte geschminkte Gesichter, beleuchten höchst dramatisch die tiefsten Abgründe der weiblichen Seele. Viktyuk gibt den Zofen die männliche Kraft in Bewegung, Solotanz, Pas-de- Deux und dem Falsett eines jeden Darstellers, dem die ihm innewohnende Stärke noch mehr Intensität als der Ausdruck einer weiblich schrillen Stimme gibt. Es wird dem Zuschauer Angst und Bange, wenn die "Mannfrauen" miteinander zum Sound eines 80er Popbeat ringen, wobei in der aktuellen Version neuere Musikschemata angefügt sind. Dalidas androgynes Chanson "Je suis malade" fasst immer wieder zusammen, was hinter den nicht enden wollenden Worten Genets zu stecken scheint, denn Viktyuk hat jede Zeile, jedes Wort des Dichters gedeutet, sei es in einer Geste, Bewegung, Wort, Tanz oder der perfekten Inszenierung eines weiblichen Körpers durch einen Mann. Halt! Hier ist nicht von Travesti die Rede; hier spricht die Liebe zum Werk des Skandalpoeten aus jeder Schauspieler-Geste, jedem Ton und Lichtstrahl, die dieses Bühnenstück zu einem zeitlosen Gesamtkunstwerk haben werden lassen.

 

 Ich erinnere mich an den alten Jean Marais, der seine ganze Liebe zu Jean Cocteau in einem Theaterauftritt zum Ausdruck brachte, als er auf einem Motorrad auf die Bühne brauste und allen die Situation mit nur einem Satz verständlich machte: " Ich bin Jean Cocteau!" Diese Nähe ist mir präsent, wenn ich zum Ende einer beinahe dreistündigen Performance den legendären Satz Genets aus dem Lautsprecher vernehme: "Ich konstatiere, dass sämtliche Rollen von Frauen gespielt werden müssen". Doch diesmal spricht Roman Viktyuk. Applaus und Standing Ovations dauern über 20 Minuten. Sie liegen wie ein befreiender Aufschrei über der Vorstellung, über dem Theater, über Chisinau zur Dokumentation dessen, was unausgesprochen über dem BITEI-Festival liegt. Wir fallen uns in die Arme, Roman, Petru, ich und ganz viele andere Besucher. "Nur gemeinsam können wir die Welt ein wenig besser machen". In diesem Augenblick glauben wir fest an die Message von Festivalchef Vutcarau und an die Rolle des BITEI, der Theaterbiennale des Eugene Ionesco Theaters, Chisinau/Moldawien.

 

Nachdem das 9. BITEI-Festival - trotz schmalem Geldbeutel - sich den Mitwirkenden, Gästen und vor allem den auswärtigen Besuchern auf einem guten Level präsentiert hat, wird die kommende Ausgabe von guten Theatern und sicher von noch mehr Besuchern aus dem Ausland besucht werden können. Hier sind die staatlichen moldawischen Organe der unterschiedlichen Ministerien zum Mittun gefragt, ihr Land auf den Tourismusbörsen innerhalb der EU oder bei den Ländern der ehemaligen GUS-Staaten zu präsentieren. Auch kann noch vielen Kulturjournalisten vom Geschehen in Chisinau vorgeführt werden; es lohnt allemal, auch außerhalb des Festivals, um der 10. Edition Zuspruch, Besucher und vor allem dem Land Devisen zu bringen.